Über Sinn und Unsinn Mikro- und Makroanalysen bezügl Bologna Prozess

SimplePie v1.0 or above required for GCal Events

Im folgenden die Mail von "aus_dem_fluss" über den Streikverteiler - ebenfalls frei zur Diskussion:


sonnige grüße 

ich frage mich, warum eine mikroanalyse ein problem sein soll.
makroanalysen die sagen, irgendwer war/ist verantwortlich gibt es
doch nun schon. bologna, CHE und was weiß ich nicht alles. man weiß
mittlerweile, dass man eigentlich nicht mehr weiß.

wie aber jeder einzelne jeden tag scheisse fressen muss wegen
dieser sache, ist kaum bekannt, dabei ist es viel wichtiger.
ich denke nicht, dass man durch eine makroanalyse eine nationale
fixierung und verkürzung bewirken würde, nur weil man nicht darüber
redet, dass griechenland, italien, frankreich und alle anderen auch
ein problem damit haben.
im gegenteil: wenn mal alle zusammentragen, was die einzelnen
probleme sind, wird man nicht nur die je unterschiedlichen
differenzen sehen, sondern dadurch auch die gemeinsamkeiten, an
denen man dann ansetzen kann, die man aufgreigen kann. die
differenzen muss man dann vielleicht erst einmal etwas ruhen lassen
oder man ist dreist und nimmt sie auch noch mit. dürfte für globale
bewegung aber etwas schwer werden, aber man weiß ja nie....
aber zu erkennen, dass es fundamentale ähnlichkeiten in den
problemen gibt in vielen teilen der welt, dürfte einer globalen
bewegung viel nutzen bringen, denn dann kann man sehen, wo man
gemeinsam lokal agieren kann, um global etwas zu ändern. und diese
ähnlichkeiten ändern sich mit der zeit, da die probleme nicht ewig
dieselben bleiben. vielleicht ändern sie sich jeden tag...

kein mensch kann gleich allein global was ändern, jeder einzelne
nur lokal und dies in der hoffnung, dass es global wirkt. garantie
gibts nirgends, schon gar nicht von denen, die sie dir
versichern...
dazu müsste man aber wissen, was die lokalen probleme sind und zwar
dermaßen lokal, dass man den einzelnen befragt. nicht nur werden
sich dann viele darüber klar, dass die eigenen probleme vielleicht
ganz allgemeine sind (das gibt mut und verleiht auch eher sinn,
denn man ist eben nicht allein) und dadurch, dass es vielleicht-
anscheinend ne ganze menge menschen gibt, die ebenfalls ein
interesse an einer veränderung, an andersartigkeit der realität so
wie sie ist, haben. so wie du selbst.

wenn du allen an die hand gibts, das der CHE schuld ist, die
bologna konferenz usw., wer wird dann wissen, was er tun könnte?
man wird sich dann eher deprimiert vorfinden, wenn einem wieder mal
gesagt wird, dass die Oberen alles gesteuert haben, gerade steuern
und auch in zukunft steuern werden. das macht resigniert und
spaltet.

die probleme der einzelnen zum problem zu machen, so dass sich
viele darin wiederfinden können, ist dagegen alles andere als
spaltend, jedenfalls ist es nicht spaltend innerhalb einer
gemeinsam arbeitenden gruppe. das vereint und das obwohl es
differenzen zwischen allen gibt. die probleme die ich habe sind
verschieden von denen anderer leute, aber es gibt zwischen diesen
unterschieden gemeinsamkeiten. diese gemeinsamkeiten zeigen, wo man
eigentlich gerade die möglichkeit hat was zu verändern, denn viele
menschen stehen dahinter, viele menschen haben den willen DAS zu
verändern, also auch viele menschen potentiell die macht dazu und
viele menschen sehen sich gerade mit diesem problem konfronriert -
es ist aktuell.
ich kann die exsitenz des CHE gerade nicht ändern, genauso wenig
wie die existenz der bologna konferenz oder die existenz des
krieges in somalia (und sein verkauf als kampf gegen "piraten"...)
oder die existenz des krieges im iran. jedenfalls kann ich insofern
nichts ändern, das ich es nicht mit einmal stoppen kann, auch wenn
ich das wirklich gerne würde.
An Frau schavan kann ich aber vielleicht was ändern, was vor einem
Monat noch Utopie war. gegen Bologna im ganzen geht vielleicht
irgendwann mal, genauso wie der iran (der ja immer mehr mit
problematisiert wird, was super ist!!!) aber im moment ist das
utopisch. wenn es aber gerade für alle studenten, die befragt
werden gemeinsamkeiten zwischen den gerade je aktuellen problemen
gibt, gibt es auch möglichkeiten diesen problemen zu begegnen (und
wenn es überschneindungen zu anderen gruppen von menschen gibt,
wird man das ebenfalls bemerken, selbst wenn mans vorher nicht für
möglich hielt...). so wir wir am 17.juni alle auf die strasse sind,
weil wir ein gemeinsames problem haben, obwohl es auf ddas leben
jedes einzelnen unterschiedlich wirkt - manche juckts gar nicht
(wer hätte das 2 jahre vorher gedacht, dass 270.000 auf die strasse
gehen und das ausgerechnet noch wegen Bildung???).
innerhalb dieser gemeinsamkeit haben wir protestiert. jetzt gilt
es, denke ich, weitere gemeinsamkeiten zu finden, die man dann
angehen kann. hat man das, muss man weiter suchen, denn jeder
protest gegen etwas, jedes aufbegehren gegen etwas, jeder
widerstand lässt woanders in den systemen risse entstehen, denn
kein problem, keine ungerechtigkeit existiert durch sich
selbst,trägt sich selbst, sondern ist existent nur im zusammenhang
mit anderem (mit davon unterschiedenem...).
durch unseren protest zb gibt es mittlerweile ernsthafte bedenken
an der kompetenz der frau schavan. (nicht nur in dem bildungsstreik-
disukrs, sondern sogar innerhalb der bundesregierung!!). der
protest hat sicher auch was mit raketen moni zu tun und mit dem,
was nun mit ihr geschieht. war vorher gar nicht abzusehen!!! und
nun kommt ins rollen, dass alle mal schreiben sollen, wer noch
diktatorische unipräsidenten hat. eine festgestellte gemeinsamkeit,
die vor dem 17.juni so noch gar nicht bedacht worden ist, weil man
gar nicht dachte, dass es ein problem mit unterschieden zwischen
den einzelnen unis sein könnte, weil man vielleicht nicht für
möglich hielt, das es ANDERS geht. aus einer sache sind dann schon
3 entstanden und wer weiß, wie viele noch.
festzustellen, wo es mittelerweile noch lücken gibt, ist nicht in
dem rahmen der möglichkeiten einer makroanalyse. das geht nur durch
mikroanalyse.

ich denke, wir müssen nicht 1000 mal betonen, dass die welt (der
bildung?) brennt und menschen gnadenlos verheizt werden. ich halte
es für sinnvoller, gleichsam den einzelnen beachtend und somit die
dezentralität einhaltend, wenn wir stattdessen in erfahrung
bringen, wo gerade einzelne menschen auf die idee gekommen sind,
die ganzen kleinen brandherde zu einem problem zu machen (raketen
moni, schavan etc.), um das zu unterstützen und um zu sehen,
welcher brand danach wahrgenommen werden kann oder welchen brand
man vielleicht noch richtig anfeuern müsste, damit alle sehen, dass
der ganze schöne heile wald in flammen steht und wir mitten darin
hausen. Wo hat jemand eine möglichkeit entdeckt, etwas zum problem
zu machen und wie wurde das getan und wie können wir das auch
machen, als große Bewegung?
manche brände können wir nicht alleine zum problem machen (CHE,
sicherheitspolitik, unterfinanzierung, herrschaftsverhältnisse,
machtstrukturen innerhalb jeder einzlnen universität, schule und
sonstwo...),wir können aber aufzeigen, dass gerade jemand irgendwo
einen brand entdeckt hat, diesem Brand ein wenig oder auch ganz
viel Holz geben damit ihn alle sehen, denn anscheinend hatte ihn
noch niemand vorher bemerkt, obwohl er doch schon die ganze zeit so
eklig stinkt! zb raketenmoni und das sich daraus entwickelnde
bedürnfis, nun für unser ganzes land die diktatoren-präsidenten zu
ermitteln: aus einem kleinen Brand könnten wir ne Waldrohdung
innerhalb einer bestimmten art von wald machen, wenn wir das
wollen. da wurden rauchsäulen entdeckt und auf DIE sollten wir mal
zeigen, die sollten wir befeuern, nicht auf die rauchsäulen, die in
der vergangenheit liegen und gerade nicht qualmen, die gerade
konkret gar nicht stattfinden, dass heißt nicht sichtbar zu machen
sind (zb die CHE oder bologna, denn: die brände, die bologna und
das CHE verursacht haben fressen gerade unsere wälder, nicht
bologna/CHE selbst - das ist schon passiert) und die wir gar nicht
mehr zeigen können, da ihre Funken schon längst in andere Bereiche
weitergezogen sind (zb in die hochschulnovelle oder das bachelor-
inferno) sie selbst sich aber verdampft haben...

ich hoffe das war nun nicht zu metaphorisch, und hoffe zu dem, dass
jetzt keiner reale wälder anzünden geht...:-D

aber ich halte diese mikroanalysen für sehr wichtig, wichtiger
vielleicht, als die makroanalysen. ich denke, durch die
mikroanalysen kommt man viel eher (oder vielleicht auch einzig
durch sie) zu den problemen, die dahinter stehen (die sich
vielleicht mit jedem bekämpften problem selbst auch wieder
verändern?). zb würde eine makroanalysen der schulen vielleicht die
unterfinanzierung problematisieren. aber die unterfinanzierung ist
definitiv nicht das schlimmste in den schulen, wenngleich es sehr
wohl problematisch ist. was aber die tatsächlichen perversitäten,
die tatsächlichen stinkenden und verblendenden rauchsäulen in
unseren bildungswäldern "unterhalb" der universität sind, werden
wir nicht sehen können, folglich nicht verändern können, wenn wir
sagen, dass das geld fehlt. mehr geld für eine überkommene struktur
zu fordern halte ich nicht für allzu hilfreich, denn damit stärkt
man diese struktur und verkauft alle probleme unter einem hut, der
freilich nur ne tarnkappe mit eselsohren und dem text "vollidiot!"
drauf ist. vielleicht wäre auch in den schulen eine solche
mikroanalyse ganz hilfreich, kann man sowas wohl irgendwie in die
wege leiten?

ich halte makroanaylsen nicht für schelcht oder falsch. aber
alleine sind sie nicht sehr nützlich und deswegen finde ich die
kritik, eine mikroanalyse sei nicht nützlich oder verdecke probleme
oder missachte sie, nicht für stichhaltig.

zudem finde ich es etwas bedenkenswert wenn man meint, die probleme
des einzelnen seien nicht so wichtig wie die probleme aller und
deren zusammenhang. ich halte die probleme des einzelnen für weit
aufschlussreicher als die probleme aller, aber vor allem finde ich
es merkwürdig, diese einzelprobleme als weniger wichtig abzutun und
zu sagen, dass alle ganz andere, ganz übergeordnete probleme haben,
die viel fundamentaler sind.
dass das gemacht wird, dass der einzelne zu gunsten aller
herausgekürzt wird, damit die große bewegung weiter gehen kann, ist
gerade eine sache, die mich sehr stört. nicht nur in der bildung,
sondern ganz allgemein. so produzieren wir das, was uns unsere
probleme erst bereitet.

im übrigen wusste schon nietzsche, dass man gerade das allgemeinste
nicht zu erst, sondern zuletzt entdecken kann, auch bei sich
selbst. also: eine makroanalyse macht vor einer mikroanalyse
vielleicht nicht so viel sinn, da sie keine verflechtung zur
realität des einzelnen hat, der vehementen anteil an der realität
aller hat, von der er bestimmt wird und die ihn bestimmt, in
welchem rahmen auch immer das geschieht.

genug geschwafelt.
solidarische grüße von einem absichtlich anonymen bachufer
(bachufer mit internet-anschluß...) :-D


--- Nicht gegen den Strom schwimmen, sondern aus dem Fluss steigen--



ShareThis