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„Diskussionsgrundlage“
~ an Bildungsbewegungen weltweit ~
Einleitung:
Das folgende Papier wurde ende November 2009 während eines internationalen Treffens in München, an dem AktivistInnen der Bildungsbewegung aus Österreich, Deutschland und Spanien teilnahmen, verfasst.
Wir bitten regionale Gruppierungen europaweit und in anderen Teilen der Welt diesen Text zu diskutieren und ein Feedback [an: united4education@riseup.net] zu geben. Die Antworten werden im Forum auf http://emancipating-education-for-all.org veröffentlicht und während des European Education Congress in Bochum ende Mai 2010, unter einer hoffentlich größtmöglichen Beteiligung eurerseits, diskutiert. Es ist wesentlich, ein starkes Netzwerk zwischen den einzelnen Bildungsbewegungen zu schaffen und in einem nächsten Schritt sich zu einer globalen Bewegung zu vereinen.
Unser Ziel ist es, Diskussionen über das Konzept von Bildung loszutreten und soviel Input wie möglich von Gruppierungen zu sammeln sowie zu versuchen, eine Erklärung zu formulieren, welche die Einigkeit und Vielfalt im Kampf um freie und emanzipatorische Bildung reflektiert.
Vision:
Um eine Vision zu formulieren ist es notwendig sich zu fragen, welche Funktionen ein Bildungssystem innerhalb der Gesellschaft haben soll.
Darüber hinaus soll eine Bildungsbewegung den Begriff Bildung selbst definieren und ihre eigene Definition in einen gesellschaftlichen Diskurs über Bildung einbringen. Das Folgende beschreibt unser Grundkonzept von freier und emanzipatorischer Bildung.
Wir glauben, dass Bildung, im Gegensatz zu Ausbildung, Menschen dazu befähigen muss kritisch zu denken. Das heißt, sie muss vermitteln Interessenkonflikte zu verstehen und diese zu hinterfragen, sowie darüber hinaus die eigene Rolle in der Gesellschaft als Ganzes zu reflektieren und dazu ermutigen, sie aktiv zu gestalten. Auf diese Weise ist Bildung ein Mittel zur Emanzipation.
Ausbildung ist hingegen das bloße Erlernen von Fähigkeiten, die auf dem Arbeitsmarkt angeboten werden.
Freie und emanzipatorische Bildung, die jedem zugänglich ist, ist eine Voraussetzung für jedwede sich selbst als demokratisch erachtende Gesellschaft, da kritische Bildung als Katalysator für politische Partizipation gilt.
Das Bildungssystem – ein „Kampf der Interessen“:
Wir verstehen das Bildungssystem als Plattform für verschiedene Interessen, die sich zum Teil voneinander unterscheiden. Einige davon sind wirtschaftliche Interessen, Staatsinteressen und Interessen der institutionalisierten Religionen.
All diese drei organisierten Interessensfelder werden mit dem Interesse, Menschen selbst darüber entscheiden zu lassen, welche Richtung sie ihrem Leben geben wollen, strukturell konfrontiert. Im Gegensatz zu den anderen ist dieses Interesse noch nicht organisiert. Emanzipation ermöglicht es Menschen, ihr Leben selbstbestimmt zu führen. Es kommt auf AktivistInnen der kritischen Bildungsbewegung an, sich zu organisieren und die emanzipatorischen Interessen innerhalb der Strukturen der bestehenden Interessensfelder zu stärken.
Die derzeit dominierenden Interessen – vor allem jene von wirtschaftlicher Natur – wirken weltweit. Wir sind deshalb davon überzeugt, dass wir auf lange Sicht nur dann erfolgreich sein werden, wenn wir uns selbst in unserem Kampf global vernetzen und vereinen. Wir erklären unsere Solidarität all jenen, die weltweit für eine freie und emanzipatorische Bildung kämpfen.
- Aktivist_innen der Bildungsbewegung aus Österreich, Deutschland und Spanien -
bißchen härter und konkreter darf das schon noch...
mir ist da wieder eine der argumentations-säulen abhanden gekommen. ein - in anderen ländern durchaus deutlich zur sprache gebrachter kampf um ein grüßeres stück vom 'kuchen' für den bildungsetat. es ist keine große neue welbewegende neuheit, daß es gerade militaristische (nationale wie imperial agierende) "sicherheits"-strukturen nur dann leicht haben, wenn sich sozial- und bildungsetat die eigenen kröten so bereitwillig klauen lassen. ich hätte nichts dagegen, wenn hier die finanzielle komponente zur sprache gebracht werden würde, das diskussionspapier in der beziehung also sich vor ein paar deutlicheren, konkreteren aussagen nicht fürchten müßte. ist ja nun auch nicht wieder allzu schwer, da den zusammenhang zu ziehen (extra hergestellt werden muß er hierfür nicht) zu den protesten von studenten und dozenten weltweit, die auf die beschneidung ihrer bafögs, ihrer gehälter, der finanziellen ausstattungen ihrer unis deutlicher hinweisen.
Begriffsklärung ist wichtig!
Die Klärung des Bildungsbegriffs, für den wir kämpfen wollen, ist entscheidend. Als Dozent für Bildungstheorie würde ich mich gerne an diesem Prozess beteiligen. Der Hinweis auf das Kritische Denken ist wichtig, aber zu kurz gegriffen. Hinzu kämen für mich mindestens drei Aspekte: Die verantwortlich (verstehende und gestaltende) Hinwendung zur Welt, zur Gemeinschaft und zum Selbst. Realität, Soziales und Subjekt-Sein als ethisch-politische, theoretische und ästhetische Aufgaben werden durch Bildung und als Bildung realisiert. Emanzipation ist ein Faktor, aber nicht der Einzige. Denn Emanzipation wendet sich ab von etwas (mit guten Gründen): Von undemokratischen Strukturen, von Instrumentalisierungen usf. Bildung muß, um verantwortlich zu sein, sich der Welt, der Gemeinschaft und der eigenen Person zuwenden. So stiftet sie einen Raum humaner und solidarischer Existenz, einen verantwortlichen Umgang mit der Natur und Perspektiven der persönlichen Entfaltung aller, frei von äußeren Zwecken.
Was halten Sie davon?
vielen Dank, Omega, aber
vielen Dank, ein wertvoller Beitrag. Ich möchte trotzdem darauf hinweisen, daß niemand hierzulande den protestbereiten Studis wünschen würde, sich in in den kommenden Wochen in (allzu) Theoretischem völlig zu verlieren. Sie wollen ihre Ziele - und das sind konkrete politische Entscheidungen - nicht nur fokussiert formulieren, ausdrücken und medial vermitteln können, sie sollen diese Fokussierung auch nicht übermäßig gefährden. Der theoretische Bildungsbegriff ist zweifellos nicht irrelevant, darf aber, sollte, meiner Meinung nach, eine Diskussion auf theoretischer Ebene das Gespräch um die Zielsetzung begleiten aber selbige nicht versehentlich verwässern. Die Studis sollten auch weiterhin um die "Töpfe" kämpfen, das aber richtig. Hier geht es - europaweit, global - um harte Fakten. Wer entscheidet über die Verteiltung von Geldern auf die Etats der Länder. Wieviel darf in "Sicherheit", in "Verteidigung" fließen auf Kosten von Bildung und sozialer Absicherung. Und wie weit lassen es die Studenten - im Zusammenschluß mit sympathisierenden sozialen Bewegungen - dabei kommen? Knapp zusammengefaßt ließe sich, denke ich, ohne zu übertreiben sagen, daß ein jeder Studi in diesem Land, der von seinem Bundesland so weit an die Wand gedrückt wird, bis er die Studiengebühren, die ihm abverlangt werden, schließlich abdrückt, bis er auch die Kürzungen an seiner Hochschule passiv hinnimmt, nicht nur an genau der Mauer mitzimmert, die sicherstellen soll, daß zukünftig zahlungsfähige (staatstreue) Bürger an universitäre Bildung gelangen, sondern daß er damit durch die Hinnahme der Entlasung des Staates, dem die finanzielle Absicherung qualitativer Bildung ursprünglich obliegt, gleichzeitig des Staates "Verteidigungs"-Sandspiele am Hindukusch subventioniert. Er - der Student. Zumindest, solange er den Zusammenhang verdrängt und die auf ihn abgewälzten Kosten hinzunehmen bereit ist.
aber warten wir erstmal auf weitere Beiträge und Kommentare.
Protest und Diskurs
Ich stimme zu, was die Prioritäten anbelangt: Erst muß der Protest aufwallen und dabei sind zuviele Differenzierungen eher hinderlich. Aber es entsteht auch ein Glaubwürdigkeitsproblem, wenn man für Bildung kämpft, ohne ein ungefähres Bild davon zu haben, was das sein könnte. Außerdem stelle ich auch fest, daß selbst Aktivisten des Bildungsstreiks in Gesprächen noch unfreiwillig Gebrauch von den ökonomistischen Modellen machen, die eigentlich bekämpft werden sollen.
Bitte mißverstehen Sie mich nicht! Ich schätze die politische Sensibilität Ihrer Generation und die Passion, mit der Sie die Sache vertreten. Ich möchte Ihnen nur einige Flankierungen anbieten, um zum Gelingen beizutragen.
Theorie und Praxis
Welche Theorie brauchen/wollen wir für welche Praxis?
Momentan herrschend ist eine Mischung aus Neokonservativismus (Elite! Disziplin!) und Neoliberalismus (Konkurrenz!) (vgl. Harvey: Kleine Geschichte des Neoliberalismus und Weingarten in: Bedingte Universtität).
Das spiegelt sich in vielen Politikfeldern wieder. Darin sehe ich auch eine Chance, eben weiter zu wirken als nur im Bildungsbreich.
Vor allem lassen die Probleme sich nicht alleine dort beheben. (Bspw. wird ein Kind, dessen Elternhaus ökonomisch eingeschränkt leben muss, nie die Anregungen erhalten, um von rein bildungsinstitutionellen Reformen (etwa Gesamtschule) zu profitieren.)
Mir scheint, dass "wir" mit den theoretischen Begründungen unserer Forderungen ins Wespennest gegenwärtiger ideologischer Kämpfe eingreifen, bzw. dazu Stellung beziehen müssen.
PS: ich muss gestehen, dass ich von dem Irrglauben und dem Wahn, DEN Diskurs beeinflußen zu können immer noch nicht ganz genesen bin. Letztlich meine ich aber langsam zu verstehen, dass es darum geht, dass wir uns bilden, was mühsam ist und nie endend. Meine Frage wäre also was machen wir hier eigenlich? Es gibt ja Ideen, wie die Argumentationslandkarten (risk-cartography.org) die zum Ziel haben, möglichs gut über ein komplexes Problemfeld zu informieren. Aber wie läßt sich sowas realisieren? Letztlich läuft es dann doch darauf hinaus, sich halt zu engagieren, möglichst viel Vernetzungstreffen/Sozialforen zu besuchen, oder möglichst viele Bücher zu lesen, oder oder oder, was einem halt so liegt. Oder fehlt es grundlegend an strategischer Reflexion... das Problem haben doch die Gewerkschaften, bzw. allgemeiner: die Linken schon länger, oder?
Denken und Handeln
Genau darum geht es! Theoretische und strategische Reflexion müssen ineinandergreifen. Eine wesentliche Aufgabe der Bildungstheorie und des Bildungsstreikes muß m.E. darin bestehen, die diskursbestimmenden Tiefenmodelle zu identifizieren und auf zwei Ebenen bekämpfen: 1. Argumentativ widerlegen 2. Rhetorisch zu diskreditieren (Diskursguerilla!), Ein zweiter Schritt besteht im Aufzeigen und Durchsetzen von Alternativen.
Meines Erachtens ist der Bildungsstreik schon sehr aufmerksam auf den Ökonomismus (Elite, Neoliberalismus, unternehmerisches Selbst usf.). Unterschätzt wird das kybernetische Dispositiv, das in die Politik und in die Bildung eingesickert ist. Achten Sie auf die Steuerungsmetaphorik! (Unbedingte Lektüre: Tiqqun-Kybernetik und Revolte). Erst das Zusammenspiel von homo oeconomicus und homo kyberneticus runden das Menschenbild der neoliberalen Modernisierer ab.
Vgl.: Selbstgesteuertes Lernen, Regieren als Steuern. Beides sind Kategorienfehler (übrigens von Bertelsmann gepushed!) und Zynismen des post-demokratischen oder prä-faschistischen Zeitalters. Daß das Regime durch epistemologische Säuberungen versucht, an den Hochschule diese fundamentale Modellkritik zu vernichten, paßt ins Bild.
Der Glaube, mehr als nur eine Marionette des Diskurses zu sein, ist absurd und zugleich notwendig. Das Regime trifft uns nach einer Phase der Selbstschwächung: In denkerischer Redlichkeit haben wir all das dekonstruiert, das wir jetzt bräuchten, um uns darauf berufen zu können: Der Mensch! Das Subjekt! Das Individuum! Alle von eigener Hand in die Diskurse zerstreut!
Zugleich erleben wir im Bildungsstreik auch die Geburt von etwas, das wir noch nicht absehen können. Der globale Widerstand gegen das Regime ist das bedeutsamste Ereignis seit Nietzsche! Es ist die Wiedergeburt der Bildung und des Politischen, ohne dass wir im Stande wären, es überhaupt schon in Begriffen zu denken. Lassen wir uns nicht den Mut nehmen zu vollziehen, was sich anschickt!
Betreff: ein Text von mir
Ein guter Ansatz, der zunächst eine Rückkehr impliziert. Eine Rückkehr zu den Wurzeln des abendländischen Denkens, die griechische Antike. Hier gab es keine wesentliche Trennung der Wissenschaften. Deine Kritik ist eine typisch Moderne. In ähnlicher Weise wurde diese z.B. auch von Rousseau geäußert. Nun ist jedoch mittlerweile einiges passiert, was eine Rückkehr zum Menschen als Menschen des Humanismus verunmöglicht. Die Post-Moderne hat diesen quasi abgeschafft.
Dennoch sind Deine Ansätze sinnvoll, denn es muss darum gehen, den Bildungsbegriff und Bildung selbst zu hinterfragen. Dabei ist die Befragung der Genese des Blickes auf Bildung bzw. des Bildungsbegriffes selbst und des entsprechenden Menschenbildes nötig.
Diesbezüglich ist Dir ein kategorialer Fehler unterlaufen: So ergibt nicht das Produkt aus Ingenieuren und Philosophen Bildung. Vielmehr ist Bildung die Voraussetzung und Ausgangspunkt für beides und darüber hinaus noch für deutlich mehr.